Tolkien schreib keineswegs "fantasy", um
der realen Welt zu entfliehen. Ganz im Gegenteil, er schreib, um mehr über
die wirkliche Welt zu erfahren. Er studierte Menschen und Dinge des Lebens,
so wie er Wörter und Sprachen studierte. Er wollte ihr Aussehen und ihren
Klang erkennen. Doch um Wörter oder Dinge gründlich zu verstehen, darauf
bestand er, mußte man sie durch die Zeiten oder noch besser jenseits der
Zeiten betrachten. Man mußte sich an ihre Ursprünge zurückversetzen, man
mußte nach vorn sehen, auf ihre wahre Bestimmung. Nur dann kann man ihren
Zweck und ihren Geist erfassen.
Tolkien hatte für das, was er schrieb,
seine eigene Kategorie: Mythopoeia. Dieser poetisierte Mythos brachte in die
gewöhnliche Welt, die Alltagswelt ein Gefühl des Wunderbaren. Tolkien
glaubte, daß die urzeitliche Welt durch die Ideal-Welt von Mythos und
Phantasie leuchtender gemacht würde, so daß das lebendige Licht sichtbar
wäre, das in jedem Ding enthalten ist. Märchen, schreibt er, hätten ihn zum
erstenmal die Kraft der Wörter begreifen lassen, die das wirkliche Wunder
elementarer Dinge heraufbeschworen, seien es Stein, Eisen, Bäume, Feuer,
Wein oder Brot. Indem er über die Welt der Mythen schreibe, erklärte er, sei
dieses Reich für ihn nicht bloß der Wohnort von Drachen und Elben, sondern
auch die Welt gewöhnlicher Dinge wie Gras, Meer und Sonne. Und, am
wichtigsten, sie ist unser Aufenthalt — das Reich sterblicher Menschen - ,
wenn wir "verzaubert" sind, das heißt, wenn wir hinter die rein stoffliche
Welt schauen.
Nach Tolkiens Meinung werden wir so oft
von Alltäglichkeiten geblendet, daß wir unseren Sinn dafür verlieren, was im
Leben wirklich wunderbar ist Mythos und Phantasie erwecken in unserer
Vorstellungskraft ein Gefühl für das Wunderbare und schärfen unsere Sinne.
Tolkien glaubte, daß die archetypische Welt von Mythos und Märchen nicht
geschaffen wurde, um die Realität zu ersetzen oder ihr zu entfliehen.
Vielmehr ist sie ein Mittel, um sich wirklich auf die Realität einzulassen.
Könnten wir unsere Einbildungskraft befeuern, wären wir vielleicht imstande,
die ewigen und echten Dinge in einer flüchtigen Welt der Erscheinungen zu
erkennen und zu schätzen. Das hieß aber, daß man sich ganz und gar auf die
Realität einlassen mußte, auf eine wahre und ewige Welt, unberührt von
alltäglichen Illusionen und Formen.
Durch das Schmieden des magischen
Schwertes des Drachentöters wird uns das wahre Wunder der Entdeckung kalten
Stahls enthüllt. Durch die Sage von Schattenfell, Grani oder Pegasus
erkennen wir die wahre Schönheit der Pferde. In den Geschichten von Bäumen
mit goldenen Äpfeln der Sonne und silbernen Äpfeln des Mondes entdecken wir
die magische Kraft von Bäumen, Pflanzen und Früchten.
David Day: Tolkiens Welt
Wenn Sie wirklich wissen wollen, worauf sich
Mittelerde gründet, so sind es mein Erstaunen und meine Freude über die Erde,
besonders die natürliche Erde.