

Der ungewöhnliche Begriff "Sarumanismus" wurde von Tolkien selbst geprägt.
Er verwendet ihn in einem Brief vom 25.9.54:
Ich bin kein Reformer (durch Machtausübung), weil mir
dies zum Sarumanismus zu führen scheint.
Briefe, S. 260 ( Nr. 154,
an Naomi Mitchison)
"Sarumanismus" bedeutet: Um
vermeintlich Gutes zu
erreichen darf, kann und muß man auch böse Mittel einsetzen.
Was meint Tolkien mit diesem Wort? Schauen wir dazu in das
Buch "Der Herr der Ringe". Dort versuchte der
Zauberer Saruman seinen "Kollegen"
Gandalf folgendermaßen zu überreden
Eine neue Macht steigt auf. Gegen sie werden uns die
alten Verbündeten und Verfahren gar nichts nützen. Es besteht keine Hoffnung
mehr für Elben und sterbende Númenorer. Das also ist die Wahl, vor die du
oder wir gestellt sind. Wir können uns dieser Macht anschließen. Es wäre
klug, Gandalf. Auf diese Weise besteht Hoffnung. Ihr Sieg ist nahe; und
reichen Lohn werden diejenigen erhalten, die ihr geholfen haben. Wenn die
Macht wächst, werden ihre erprobten Freunde auch wachsen. Und die Weisen wie
du und ich werden mit Geduld schließlich so weit kommen, daß wir ihr
Verhalten lenken, sie kontrollieren. Wir können den rechten Augenblick
abwarten, wir können unsere Gedanken in unseren Herzen verschließen,
vielleicht das Böse, das nebenher angerichtet wird, beklagen, doch das hohe
und letzte Ziel billigen: Wissen, Herrschaft, Ordnung; alle diese Dinge, die
zu erreichen wir uns bisher vergeblich bemüht haben, eher gehindert als
unterstützt durch unsere schwachen und untätigen Freunde. Unsere Absichten
brauchen sich nicht wirklich zu ändern und würden sich auch nicht ändern,
nur unsere Mittel.
HdR, Zweites Buch, Zweites Kapitel: Der Rat
von Elrond
In Kurzform: Die Zeiten haben sich geändert. Um unsere alten,
guten Ziele (Wissen, Herrschaft, Ordnung) erreichen zu können, müssen wir uns jedoch neuer, zeitgemäßer
Mittel bedienen. "Unsere Absichten
brauchen sich nicht wirklich zu ändern und würden sich auch nicht ändern,
nur unsere Mittel". Auch wenn durch diese Mittel "Böses nebenher
angerichtet wird", das man dann vielleicht sogar beklagt
Gandalf weist den "Sarumanismus" zurück:
Reden dieser Art habe ich schon früher gehört, aber aus
dem Munde von Abgesandten aus Mordor, die geschickt wurden, um die Unwissenden
zu täuschen.
HdR, Zweites Buch, Zweites Kapitel: Der Rat
von Elrond
Er hatte schon vorher die Gefahr erkannt, die darin liegt,
sich zu guten Zwecken böser Mittel - für die der Eine Ring steht - zu bedienen.
Frodo bot ihm den Einen an:
Du bist weise und mächtig. Willst du den Ring nicht
nehmen?" "Nein!" schrie Gandalf und sprang auf. "Mit dieser
Macht würde ich eine zu große und entsetzliche Macht besitzen. Und über mich
würde der Ring eine noch größere und tödlichere Macht gewinnen." Seine
Augen blitzten, und sein Gesicht war wie von einem inneren Feuer erleuchtet.
"Versuche mich nicht! Denn ich will nicht werden wie der Dunkle Herrscher.
Noch geht der Weg des Ringes zu meinem Herzen über Mitleid, Mitleid mit den
Schwachen, und ich wünsche mir Stärke, um Gutes zu tun. Versuche mich nicht!
Ich wage ihn nicht zu nehmen, nicht einmal, um ihn unbenutzt zu verwahren. Das
Verlangen, ihn zu verwenden, würde zu groß sein für meine Kraft. Ich würde
ihn so nötig brauchen. Große Gefahren liegen vor mir."
HdR, Erstes Buch, Zweites Kapitel: Der
Schatten der Vergangenheit
Im Wald von Fangorn bezeichnet Gandalf die Möglichkeit, der Versuchung des
Ringes nachzugeben und den Einen einzusetzen, um Gutes zu tun, als "tödliche
Gefahr":
"Krieg steht uns und allen unseren Freunden bevor,
ein Krieg, in dem nur die Verwendung des Ringes uns die Gewißheit des Sieges
geben könnte. Er erfüllt mich mit großer Sorge und großer Furcht: denn
viel wird zerstört werden, und alles mag verloren werden. Ich bin Gandalf,
Gandalf der Weiße, aber noch ist Schwarz mächtiger." Er stand auf, blickte
nach Osten und beschattete seine Augen, als ob er Dinge in weiter Feme sehe,
die niemand sonst sehen konnte. Dann schüttelte er den Kopf. "Nein", sagte er
leise, "er ist für uns nicht mehr erreichbar. Darüber zumindest laßt uns froh
sein. Wir können nicht länger in Versuchung geraten, den Ring zu verwenden.
Wir müssen hinuntergehen und einer Gefahr, die der Hoffnungslosigkeit
nahekommt, ins Auge sehen, doch jene tödliche Gefahr ist beseitigt."
HdR, Drittes Buch, Fünftes Kapitel: Der
weiße Reiter
In Tolkiens Mythologie wird übrigens auch der Weg des Dunklen Herrschers
Sauron
ähnlich gedacht, wie der Sarumans:
In meiner Geschichte stellt Sauron die größtmögliche Annäherung
an das vollkommen Böse dar. Er war den Weg aller Tyrannen gegangen: zu Anfang
war er gut, wenigstens soweit, daß er zwar alles nach seinem Kopf zu regeln
wünschte, aber zuerst noch auf das (ökonomische) Wohl anderer Erdenbewohner
Rücksicht nahm. Aber im Hochmut und in der Machtgier ging er weiter als
menschliche Tyrannen.
Briefe, S. 320 ( Nr. 183, Anmerkung zu W.H.
Audens Besprechung des Return of the King)
Ganz allmählich, zunächst mit edlen Motiven, nämlich
das "von den Göttern vernachlässigte" Mittelerde aus den Trümmern (nach dem Krieges des Zorns am Ende des Ersten Zeitalters) wieder
aufzubauen und neu zu ordnen, wird er zu einer neuen Inkarnation des Bösen
und zu einem Geschöpf voll Begierde nach unumschränkter Macht - und so
verzehrt er sich in immer wilderem Haß (besonders auf die Götter und die
Elben).
Briefe, S. 201 ( Nr. 131, an Milton Waldman)
Auch Galadriel kennt die Gefahr
des "Sarumanismus". Sie widersteht der Versuchung, den Ring an sich zu nehmen, um
Gutes zu tun. Sie weiß, daß die Mittel, durch die wir unsere Ziele zu ereichen
trachten, auf uns zurückwirken und uns selbst prägen. Galadriel widersteht,
als Frodo ihr den Ring freiwillig geben will:
Ich leugne nicht, daß mein Herz sehr begehrt hat, um das
zu bitten, was du anbietest. Viele lange Jahre habe ich darüber nachgesonnen,
was ich tun würde, wenn mir der Große Ring in die Hände fiele, und siehe
da! er ist in meiner Reichweite. Das Böse, das vor langer Zeit erdacht war,
wirkt auf mancherlei Weise, ob Sauron selbst steht oder fällt. Würde das
nicht eine edle Tat gewesen sein, die dem Einfluß seines Ringes zuzuschreiben
wäre, wenn ich ihn meinem Gast mit Gewalt oder unter Drohungen abgenommen hätte?
Und nun ist es endlich soweit. Du willst mir den Ring freiwillig geben!
Anstelle des Dunklen Herrschers willst du eine Königin einsetzen. Und ich
werde nicht dunkel sein, sondern schön und entsetzlich wie der Morgen und die
Nacht! Schön wie das Meer und die Sonne und der Schnee auf dem Gebirge!
Grausam wie der Sturm und der Blitz! Stärker als die Grundfesten der Erde.
Alle werden mich lieben und verzweifeln!
HdR, Zweites Buch, Siebtes Kapitel:
Galadriels Spiegel
Galadriel widersteht noch einmal, als Sam sie drängt, den
Ring doch zu nehmen:
Aber wenn Ihr mir verzeihen wollt, daß ich es ausspreche:
ich glaube, mein Herr hat recht gehabt. Ich wünschte, Ihr würdet seinen Ring
nehmen. Ihr würdet die Dinge in Ordnung bringen. Ihr würdet dafür sorgen, daß
sie nicht alles aufgraben und den Ohm hinauswerfen. Ihr würdet manche Leute
zahlen lassen für ihre Gemeinheiten.
"Das würde ich", sagte sie.
"So würde es anfangen. Aber damit würde es nicht aufhören, leider! Wir
wollen nicht mehr davon reden."
HdR, Zweites Buch, Siebtes Kapitel:
Galadriels Spiegel
Die Zeiten ändern sich, Gut und Böse nicht. Man
muß (und kann!) unterscheiden:
"Wie soll ein Mensch beurteilen, was er in solchen
Zeiten tun soll?"
"Wie er immer geurteilt hat", sagte Aragorn. "Gut und Böse haben
sich nicht in jüngster Zeit geändert; und sie sind auch nicht zweierlei bei
Elben und Zwergen auf der einen und Menschen auf der anderen Seite. Ein Mann muß
sie unterscheiden können, im Goldenen Wald ebenso wie in seinem eigenen Haus."
HdR, Drittes Buch, Zweites Kapitel: Die
Reiter von Rohan
Laß deinen Fuß auf ebener Bahn gehen, und alle deine Wege seien gewiß. Weiche weder zur Rechten noch zur Linken; wende deinen Fuß vom Bösen.
Sprüche Salomos 4,26-27
